Eltern, Erzieher und andere, die mit pubertierenden Kindern zu tun haben, konnten in dem Vortrag vieles entdecken, was sie selbst in der Familie schon erlebt haben. Fotos (2): Schmidt

+

Eltern, Erzieher und andere, die mit pubertierenden Kindern zu tun haben, konnten in dem Vortrag vieles entdecken, was sie selbst in der Familie schon erlebt haben.

mm Klötze. „Mir ist es lieber, wenn sie diskutieren, als wenn sie nur rumquäken“, konnte Reinhard Grohmann der Pubertät seiner Kinder durchaus etwas Positives abgewinnen.

Was während dieser Zeit in den Gehirnen der Kinder passiert und wie die Familien damit am besten umgehen können, dafür gab der Familienbildungsreferent aus Halle am Dienstagabend bei einem sehr gut besuchten Vortrag in der evangelischen Familienbildungsstätte (EFA) in Klötze viele Tipps.

„Die Pubertät erklärt alles, aber sie entschuldigt nichts“, sagte Grohmann. Eigentlich können die Kinder gar nichts dafür, dass sie sich in der Pubertät so merkwürdig verhalten. „Im Alter von etwa zwölf Jahren wird das Gehirn komplett umgebaut, damit es als Erwachsener funktioniert“, erklärte der Referent. An einem Gehirnmodell zeigte er, dass in der Pubertät die Verbindung zwischen dem Empfinden und der Reflexion komplett gekappt ist. „Das ist wie die Sanierung einer Wohnung bei laufendem Betrieb“, erklärte Reinhard Grohmann. Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Unzufriedenheit, Vergesslichkeit, nannten die Zuhörer als Erkennungszeichen der Pubertät. Der Familienbildungsreferent gab ihnen Tipps, wie sie als Eltern und als Familie mit der Pubertät umgehen können: Eltern sollten den Kindern ein verlässlicher Anker in dieser Zeit sein, aber nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. „Um in der Zeit etwas spüren zu können, muss der Kick größer werden“, so Grohmann. Machte es Kinder noch glücklich, den Kopf aus dem fahrenden Auto zu halten, um den Fahrtwind zu spüren, würde es beim pubertierenden Teenie der Platz auf dem Autodach sein, nannte er als Beispiel. „Eltern sind die Menschen, die die Teenies am allermeisten lieben, aber sie würden es nie sagen, wenn jemand anderes dabei ist“, gab der Referent ein weiteres Beispiel. Es nütze wenig, bei den Teenies auf eine Entschuldigung zu warten, riet Grohmann. „Die Eltern müssen den ersten Schritt tun, weil ihr Gehirn weiter entwickelt ist“, erklärte er. Wichtigester Job für die Eltern sei die „Deeskalation“.

Grohmann empfahl den Eltern, für Tipps und Ratschläge unbedingt den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Denn Bestandteil der Umbauarbeiten im Gehirn ist auch das Müdigkeitshormon Melatonin, das den Tagesablauf der Teenies um etwa zwei Stunden verschiebt. „Frühmorgens sollten Sie deshalb keine wichtigen Gespräche mit den Kindern führen“, empfahl Grohmann, der viele Beispiele aus der eigenen Familie anführte.

Eltern sollten im Übrigen nicht „Siehste“ sagen, wenn sie doch wieder recht behalten haben, sondern das still genießen. „Eltern sein ist Verantwortung und Führungsaufgabe. Das macht nicht immer Spaß, ist aber unser Job“, fasste Reinhard Grohmann am Ende des Vortrags zusammen. Pubertät bedeute das Sprengen der schützenden Hülle. Aufgabe der Eltern sei es, das zuzulassen. „Und plötzlich merken Sie, die Kinder ziehen aus und machen in der eigenen Wohnung alles genauso wie Sie“, warb Grohmann für Gelassenheit.

https://www.az-online.de/altmark/kloetze/pubertaet-umbau-laufendem-betrieb-9675111.html